Wer sich wie die hiesige größte Volkpartei auf das christliche Menschenbild beruft, kann schlechterdings diesen Menschen nicht das Recht auf einen Lohn verwehren, der bei normaler Arbeitszeit den Lebensunterhalt garantiert. Es ist nämlich keinesfalls so, als ob dieses Recht auf auskommenden Lohn ein Teil des Naturrechts wäre, sondern wird, wie die Kirche seit langem darlegt und wo ich auch bei den Evangelen keinen Dissens vermute, aus der christlichen Sicht des Menschen, der christlichen Anthropologie, heraus begründet. Wer mehr dazu lesen will, dem empfehle ich das “Kompendium zur Soziallehre der Kirche” (als Buch zu kaufen) oder die Enzyklika “Laborem exercens” von Papst Johannes Paul II.
Dies bedarf auch eines behutsamen Umgangs mit Worten. Der prinzipielle Wert einer Arbeit ergibt sich nämlich primär nicht aus der Produktivität, nicht aus dem erwirtschafteten Gewinn oder Mehrwert, nicht aus der sozialen Stellung. Er ergibt sich aus der Würde dessen, der sie durchführt, die bei allen gleich hoch ist. Egal, ob Vorstandsetage oder Straßenreinigung, die Würde der Arbeit ist gleich, daher darf es aus katholischer Sicht auch keine Löhne geben, die jemanden ohne staatl. Transferleistungen unter das Existenzminimum zwingen würden. Man sollte auch nicht sagen, daß es “Drecksarbeit” gebe, die jemand mache, so sehr dieses Wort auch in meinem Wortschatz bisher benutzt wurde. Arbeit bezieht ihre Würde vom Menschen und der ist nie Dreck. Es bedarf einer Umkehr des Vokabulars.
Gorgasal meint:
24. Februar 2010 at 12:01Die Webseite von Gorgasal
Betrachten wir einmal jemanden, der so gering qualifiziert ist, dass ihm niemand für eine Stunde seiner Arbeit mehr als fünf Euro zu geben bereit ist. Und nehmen wir weiter an, dass das hochgerechnet auf eine 40-Stunden-Woche deutlich unter dem Existenzminimum liegt (das würde ich jetzt nicht als sonderlich starke Annahme ansehen).
Wer hat nun welche Verpflichtung?
Muss der Staat vorschreiben, dass dieser Mensch nicht für fünf Euro arbeiten darf, sondern ausschließlich von Stütze oder Almosen leben soll?
Muss ein potenzieller Arbeitgeber ihn beschäftigen, aber mehr zahlen als er freiwillig gewillt ist? Muss etwa ein Gebäudereinigungsunternehmen ihn einstellen und ihm acht Euro zahlen, auch wenn es ihn den Kunden nur für fünf Euro weitervermitteln kann? Wenn ja, wie unterscheidet sich das von reinen Almosen, die ja auch verpflichtend, aber eben etwas anderes sind?
Offen gestanden erscheint mir eine gering entlohnte Tätigkeit mit einem staatlichen Zuschuss (”Kombilohn”) menschenwürdiger als ein reines Leben von Stütze.
Ralf meint:
24. Februar 2010 at 12:03Die Webseite von Ralf
“Betrachten wir einmal jemanden, der so gering qualifiziert ist, dass ihm niemand für eine Stunde seiner Arbeit mehr als fünf Euro zu geben bereit ist.”
Genau das muß gesetzlich unterbunden werden - in 18 Staten der EU gibt es einen Mindestlohn. Warum nicht bei uns?
Die Hungerlöhne werden hauptsächlich in Dienstleitungsbereichen gezahlt und diese sind nicht exportierbar.
Gorgasal meint:
24. Februar 2010 at 12:41Die Webseite von Gorgasal
“Genau das muß gesetzlich unterbunden werden” - leider verstehe ich noch nicht ganz, inwiefern das eine Antwort auf meine Frage ist. Sagen Sie damit, dass Sie meinem “Muss der Staat vorschreiben…”-Absatz zustimmen?
Aber dann wird halt herauskommen, dass kein Arbeitgeber mehr diesen Menschen beschäftigt, weil er mehr kostet als nützt. Ergo ist der Mensch arbeitslos und lebt ausschließlich von Stütze.
Wie gesagt, mir erscheint ein Kombilohn menschenwürdiger. Wäre ich in dieser Situation, dann würde ich lieber für wenig Geld jemandem den Garten machen und noch einen staatlichen Zuschuss bekommen als nur von Sozialhilfe zu leben.
“Nicht exportierbar” - naja, in Grenzen. Wenn die Raumpfleger durch einen Mindestlohn deutlich mehr kosten, dann fahren Unternehmen ihre Reinigungsfrequenz herunter, dann wird halt nur noch einmal statt zweimal pro Woche gereinigt. Ergebnis: nur noch halb so viele Stellen in der Gebäudereinigung. Wenn der Friseur teurer wird, schneiden sich (noch) mehr Leute gegenseitig die Haare.
Aber vielleicht verstehe ich noch nicht ganz, was Sie meinen. Wollen Sie es mir ein bisschen genauer erklären?
Ralf meint:
24. Februar 2010 at 13:02Die Webseite von Ralf
Da es wie erwäöhnt in bereits vielen Ländern der EU gesetzlichen Mindestlohn gibt, kann man sich ja mal ansehen, wie es da läuft.
Und siehe da: es gab weder bei den Gebäudereinigern noch den Friseuren noch sonst wo einen nennenswerten dauerhaften Anstieg der Arbeitslosigkeit.
Wie läßt sich das erklären? Vielleicht stimmt dann Deine Theorie (ich duze immer in meinem Blog) doch nicht?
Der Anspruch der Katholischen Soziallehre ist umsetzbar - wer den Lohn nicht zahlen kann, hat auf dem Markt nichts verloren.
Hier findet man die Mindestlohnsätze in ausgewählten Ländern, diese liegen überall bei 33%-50% des Durchschnittseinkommens. Das Durchschnittseinkommen 2005 lag hierzulande bei knapp über 3000 Euro (zusammengesetzt aus den meisten Berufszweigen außer dem - besser gestellten - öffentl. Dienst). Das ist ein Stundenlohn von knapp über 17 Euro (vor fünf Jahren!). Die vom DGB geforderten 7,50 Euro als Mindestlohn sind daher beiweite nicht zu hoch gegriffen.
Gorgasal meint:
24. Februar 2010 at 13:42Die Webseite von Gorgasal
“Es gab weder bei den Gebäudereinigern noch den Friseuren noch sonst wo einen nennenswerten dauerhaften Anstieg der Arbeitslosigkeit. Wie läßt sich das erklären?”
Der Wirtschaftswissenschaftler würde sagen: durch andere Faktoren. Sicher hat ein Teil der Gebäudereiniger oder der Friseure umgesattelt, ein anderer hat die Arbeitssuche aufgegeben (je nach nationaler Statistik erscheint man dann nicht mehr in der Arbeitslosenzahl). Teils zahlen die Arbeitgeber sicher auch den höheren Lohn, kürzen aber an anderer Stelle an den Leistungen für ihre Mitarbeiter - sei es, dass sie Druck in Richtung mehr (nicht aufgeschriebene) Überstunden machen, sei es, dass sie an der Sicherheit sparen oder sonstwas. Eine reine Vorher/Nachher-Betrachtung ist in der VWL nie geeignet, um Kausalitäten zu analysieren.
Es gibt zu diesem Gebiet viele Untersuchungen von Ökonometrikern. Die einen finden einen Effekt des Mindestlohns auf die Arbeitslosigkeit, die anderen nicht. Ich behaupte auch gar nicht, dass der Effekt stark ist. Ich bin mir nur sicher, dass es Fälle wie den von mir beschriebenen gibt und dass man sich Gedanken darüber machen muss, ob man mit einem Mindestlohn nicht Menschen von der Arbeit ausschließt.
“Wer den Lohn nicht zahlen kann, hat auf dem Markt nichts verloren.” - Das kann man so sehen. Aber es hilft dem Arbeitssuchenden auch nicht, wenn potenzielle Arbeitgeber vom Markt verschwinden.
Übrigens blättere ich gerade ein wenig in Laborem exercens. Und dort finde ich auf die Schnelle offen gestanden nichts, was zwingend einen Mindestlohn anstelle etwa eines Kombilohnmodells fordert. Siehe etwa die Nummern 17-19, insbesondere die Diskussion von Familienzulagen in Nummer 19 - da finde ich nirgends, dass die unbedingt vom Arbeitgeber zu zahlen seien, nicht aber vom Staat. Dazu, dass das Thema Arbeitslosigkeit wichtig ist, siehe Nummer 18.
Arminius meint:
24. Februar 2010 at 14:05Die Webseite von Arminius Weil das Geld vom Staat und der Strom aus der Steckdose kommen.
Leute, das Geld kommt eben nicht vom Staat sondern von Leuten, die dafür arbeiten. Jede Mark, die ich einem Arbeiter gebe, muß selber ich irgendwie verdienen. Letztendlich muß irgendwo auf der Welt ein Kunde dazu bereit sein, das Geld zu bezahlen, das ich brauche, um den Arbeiter zu bezahlen. Letztendlich kann man sehr genau ausrichten, wieviel ein Arbeiter kosten darf, daß sich seine Arbeit für den, der ihn bezahlen muß, lohnt.
Man kann versuchen, dies zu ignorieren. Die DDR hat das ignoriert.
Ralf meint:
24. Februar 2010 at 15:38Die Webseite von Ralf
@Gorgasal: in Laborem exercens findet sich nicht, daß Kombilohn schlecht wäre, aber schon in Rerum Novarum war davon die Rede (wie weiter unten zitiert), daß der Arbeitgeber(!) einen Lohn zu zahlen hat, der den Lebensunterhalt ermöglicht.
Von staatl. Stütze für den Niedriglohnbereich (=Sozialiserung der Probleme) spricht Papst Leo XIII. nicht, ebensowenig wie Johannes Paul II.
Der Staat hat Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine würdige Existenz ermöglichen. In Ausnahmefällen (Kurzarbeitergeld) ist so etwas auch als staatl. Transferleistung für Arbeit akzeptabel, aber die dauerhafte Subventionierung von Marktteilnehmern, die größtenteils auf Kosten der Mitarbeiter bestehen können, ist dies nicht.
Ralf meint:
24. Februar 2010 at 15:43Die Webseite von Ralf
@Arminius: das ist zwar nett, erklärt mir aber immer noch nicht, warum es trotz Mindestlohn in anderen Ländern (die sich dadurch nicht mehr verschulden als wir) zu keinem Anstieg der Arbeitslosenzahlen kam. Denn wer Mindestlohn bezieht, hat deswegen keine höhere Sparquote (wir reden hier von 7,50 Euro/h brutto!!), sondern mehr Konsum - ergo kann der Geldempfänger dieses Konsums als Unternehmer auch einen besseren Lohn bezahlen. Das Geld ist ja nicht futsch.
Und noch einmal: die Hungerlöhne werden im inländischen Dienstleitungsbereich gezahlt.
Arminius meint:
24. Februar 2010 at 17:10Die Webseite von Arminius
@Ralf
Welche Länder meinst Du?
Schau Dir einfach mal die Tarife in den einschlägigen Ländern an und vergleiche sie mit den Sätzen, die man in Deutschland über Harz IV für’s Nichtstun erhält.
Ralf meint:
25. Februar 2010 at 13:11Die Webseite von Ralf
@Arminius:
ich meine genau die gleichen Länder, die Du verlinkst. Setzt man hier die einschlägigen Lebenshaltungskosten zugrunde - d.h. man vergleicht am besten mit den Ländern, die einen ähnlichen Lebensstandard und Lebenskosten haben wie wir (bspw. die Nachbarländer Belgien, Frankreich, Niederlande, Österreich) - so sieht man, daß der geforderte Mindestlohn von 7,50 Euro keinesfalls zu hoch ist.
Da die Tarifbindung bei uns zunehmend sinkt (in den Dienstleistungsberufen wird das Wählen von Betriebsräten zum Teil massivst erschwert), muß der Staat einspringen und Löhne festsetzen. Wäre mir anders auch lieber. Aber wo es faktisch keine Tarifautonomie mehr gibt, ist der Ausbeutung Tür und Tor geöffnet. Ich bin nicht für Mindestlohn per se, sondern hier nur dafür, weil es keine funktionierende Tarifvertragslandschaft mehr gibt.
Arminius meint:
25. Februar 2010 at 16:23Die Webseite von Arminius
@Ralf
Die 7,50 € sind eine willkürliche Zahl. Warum nicht gleich 9 € oder gar 12 €? Warum nicht 5 €?
Ihr lieben Sozialromantiker solltet euch endlich einmal an den Gedanken gewöhnen, daß Arbeit eine Ware ist. Eine Ware, deren Preis sich aus dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage ermittelt. Wenn ich eine Ware angeboten bekomme, deren Preis den Nutzen übersteigt, den ich von ihr habe, dann kaufe ich sie nicht und wehe, es versucht jemand mich dazu zu zwingen. So einfach ist das.
Ein Staat, der sich anmaßt, die Preise von Waren zu bestimmen, ist ein sozialistischer Staat. Und wo der Sozialismus anfängt, hört die Freiheit auf.
Ralf meint:
26. Februar 2010 at 07:31Die Webseite von Ralf
@Arminius:
“Ihr lieben Sozialromantiker” - erstens bitte ich auf diesem Blog um Niveau oder Schweigen, was ich per Moderation auch selbst herbeiführen kann und zweitens sprichst du mit gespaltener Zunge, da ich stark annehme, daß Du das Kartellamt und die Regulierungsbehörden von Energie und Telekommunikation nicht für verdammenswerte Einrichtungen hälst.
Natürlich kann man Arbeit nur für eine Ware halten - dann ist man halt nicht katholisch, ist durchaus legitim. Ich bin es aber.
Arminius meint:
26. Februar 2010 at 12:52Die Webseite von Arminius Du kannst meinen Beitrag zwar jederzeit löschen, aber Gott sei Dank entscheidest du nicht, wer katholisch ist und wer nicht.
Ralf meint:
26. Februar 2010 at 14:37Die Webseite von Ralf
Ich habe mich falsch ausgedrückt - ich will niemandem das Katholischsein absprechen. Diese Meinung, daß Arbeit nur eine Ware sei, ist konträr zur katholischen Lehre, das ist alles.
Es gibt Katholiken, die finden Abtreibung okay, es gibt solche, die finden “Ehen” zwischen Homosexuellen okay, es gibt eben auch solche, die finden “Arbeit ist nur eine Ware” okay - sind halt alles Katholiken mit von der Katholischen Soziallehre abweichenden Ansichten.
Dazu sollte man dann aber auch stehen, daß man nicht die Meinung der Kirche teilt. Ich nehme an, daß Du das tust.
Arminius meint:
26. Februar 2010 at 18:27Die Webseite von Arminius
Wenn ich lese, wie du Kritik an sozialistischen Tagträumen in einem Atemzug mit Kindesmord und Schwulenehe nennst, kommen mir deutliche Zweifel an deinem Koordinatensystem.
Ralf meint:
27. Februar 2010 at 12:12Die Webseite von Ralf
Damit kann ich leben. Die ganze kirchliche Lehre stört nahezu jeden irgendwo.