Falsche Frage

Wann ist ein Lebewesen ein Mensch?*

Das ist eine bekannte Frage der Bioethik.

Doch diese Frage suggeriert etwas, was von den Mehrheiten abgelehnt wird, nämlich einen Zustand des Menschseins. So wird es nämlich mehrheitlich, wenn auch vielleicht unbewußt, gar nicht gesehen (dabei sind die Mehrheiten die, die bspw. Abtreibung, Embryonenforschung und die Euthanasie Demenzkranker nicht rundheraus ablehnen).

Für die meisten ist die Frage nach dem Menschsein keine des Seins, sondern des “sich Wissens”.

Nur der, der sich als Mensch weiß, ist quasi Mensch (kann dieses “Sein” aber wieder verlieren). So wird im Kern essentiell argumentiert. Nur der, der im aktuellen Moment der rationalen Selbstreflexion fähig ist und diese ausdrücken kann, erhält das Prädikat “Mensch” mit all seinen Rechten.

Das gilt es zu beachten, wenn von Potentialitäten gesprochen wird (der Embryo hat bspw. die natürliche Potenz, bei fehlenden Hindernissen ein Selbstbewußtsein zu entwickeln) - denn diese sind bei der Betrachtungsweise irrelevant.

Das erklärt, warum Ethiker sagen können, neugeborene kranke Kinder dürfen umgebracht werden - sie sind eben keine Menschen bei diesem Vorverständnis.

Die logischen Schwachstellen hatte ich schon mal vor kurzem aufgezeigt:

- faktisch entscheidend ist nicht die Selbstreflexion, sondern unsere Fähigkeit, eine Selbstreflexion des anderen als solche wahrzunehmen - der Richter über Mensch oder nicht ist also der andere, die Kriterien erwachsen nicht aus dem Wesen selbst heraus.

- warum ein ohnmächtiger oder tief schlafender Mensch nach diesem Axiom noch als Mensch zu gelten hat (da Potentiale ja egal sind, Zukunft und Vergangenheit also nicht zählen), hat mir auch noch keiner erklären können.

Und auffallend ist zudem, daß die utilitaristische Philosophie, die diesen Standpunkt mehrheitlich bezogen hat, über einen in ihren Augen Nicht-Menschen noch keine Aussage treffen konnte, was dieses Wesen denn dann ist, sondern nur was es nicht ist. Ein einmaliger Vorgang für ein Lebewesen (und Anzeichen für eine schwache rationale Basis).

*der Begriff “Mensch” ist hier mit “Person” gleichzusetzen. Die Frage, ob es ein Menschsein ohne Personsein gibt, gestaltet sich in etwa gleichartig, da es häufig ethische Positionen gibt, die das Personsein an die Selbstreflexion knüpfen. Das Ergebnis ist genauso leicht durchschaubar und logisch inkohärent.





2 Kommentare zu “ Falsche Frage”

  1. Phil meint:


    Die Webseite von Phil

    Es wird ja noch interessanter: Die Autoren betonen gleich zwei Mal, daß eine solche Distinktion uns nicht der Verantwortung zukünftiger Generationen enthebe.

    Dementsprechend hat man, dieser Logik zufolge, für eine potentielle Masse an Menschen mehr Verantwortung als für den partikulären Fall, den man dann umbringen kann (denn im Fall zukünftiger Generationen redet man ja auch von potentiellen Personen). Das ist natürlich einerseits das, was ich bisher vom Utilitarismus kennenlernte und ihn meiner Meinung nach zu einem totalitären System macht, zum zweiten fragt man sich dann, wie auf der Basis einer Liberalisierung des Tötens eine konkrete Verantwortung für zukünftige Generationen entstehen soll.

    Umgekehrt wird ein Schuh draus: Wenn man verantwortungsvoll mit dem Leben umgeht, was einem konkret geschenkt wurde, wird sich der Blick weiten. Man wird sehen, daß nicht nur das Baby, das vllt sogar behindert ist, ein Anrecht auf Leben hat, sondern jedes andere, was heute, morgen oder irgendwann geboren wird.

  2. Pax et bonum » Nicht neu gedacht meint:


    Die Webseite von Pax et bonum » Nicht neu gedacht

    […] Falsche Frage « Sehr richtig Nicht neu gedacht » […]


Dein Kommentar