Dialog der Liebe

Die Liebe ist langmütig, / die Liebe ist gütig. / Sie ereifert sich nicht, / sie prahlt nicht, / sie bläht sich nicht auf.
Sie handelt nicht ungehörig, / sucht nicht ihren Vorteil, / lässt sich nicht zum Zorn reizen, / trägt das Böse nicht nach.
Sie freut sich nicht über das Unrecht, / sondern freut sich an der Wahrheit.
Sie erträgt alles, / glaubt alles, / hofft alles, / hält allem stand.
Die Liebe hört niemals auf. / Prophetisches Reden hat ein Ende, / Zungenrede verstummt, / Erkenntnis vergeht.
Denn Stückwerk ist unser Erkennen, / Stückwerk unser prophetisches Reden;
wenn aber das Vollendete kommt, / vergeht alles Stückwerk.

(1 Kor 13,4-10)

Der frühere Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Athenagoras I., sprach davon, daß der wichtigste Dialog, den die Orthodoxe und die Katholische Kirche gemeinsam führen können, der “Dialog der Liebe” sei. Er sei die Grundlage und Grundvoraussetzung, um später in einem “Dialog der Wahrheit” theologische Differenzen ggf. ausräumen zu können.

Der letztgenannte Dialog obliegt mehr den Bischöfen als den Laien (”Theologen” gibt es so bei den Orthodoxen kaum, ein Mensch nach Theologiestudium zählt nämlich zu den Philosophen, erst der Heilige kann “Theologe” genannt werden, und das ist somit ein Ehrentitel, kein akademischer).

Da in der orthodoxen Kirche (wie in praxi auch bei uns) nur Kirchenbeschlüsse Leben gewinnen, wenn sie vom gläubigen Gottesvolk umgesetzt werden, ist der Dialog der Liebe die Art der ökumenischen Arbeit, die uns obliegt - und die einem franziskanisch gesinnten Mensch sehr entgegenkommt. Auch wenn ich viel zu gerne über theologische Fragen debattiere, lösen kann ich die Probleme nicht. Helfen aber, daß wir uns besser kennenlernen, daß Vorurteile abgebaut werden, daß man sich kennenlernt, ohne immer zu begründen à la “bei uns ist das im Gegensatz zu Euch so, weil”.
Dazu gehört auch ein intensives Beschäftigen mit der eigenen Tradition und ein überzeugtes Stehen zu den eigenen kirchlichen theologischen Positionen (die ich im Zug des Lesens immer besser verstand römischerseits).

Es gibt da viel zu tun. Insbesondere gilt es auch immer, Rückschlägen und Abweisungen liebend zu begegnen, der Franziskaner kennt da die “Vollkommene Freude” als hervorragende Anleitung.

Liturgien besuchen, Glückwünsche äußern zu den Festen der anderen (sind ja andere Kalender bei den meisten orthodoxen Kirchen), Beschäftigung und Wertschätzung der anderen Tradition und persönliche Freundschaften sind da die wichtigsten Elemente.

Doch auch im interreligiösen Dialog ist der Dialog der Liebe der beste Weg, Abgründe zuzuschütten und Wege zueinander zu bahnen. Franziskus hatte Erfahrungen sammeln können im Umgang mit dem Islam und gibt da beredte Ratschläge.

Wenn der franziskanisch denkende Mensch so handelt, egal ob als Laie oder im Klerus, wird er innerhalb der Kirche natürlich nicht nur auf Freunde stoßen. Viele werden diese Herangehenswiese ablehnen, viele suchen Konfrontation, wie man sie auch hier im Netz zuhauf findet (und wie ich dieser Versuchung auch manchmal nachgebe). Abgrenzung durch Ablehnung ist leichter als Abgrenzung durch Aushalten und das ist noch leichter als Respekt für den Bruder im anderen.

Franziskus ist hier aktueller denn je.





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