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Archiv für April, 2006



Ökumenische Frage IV

Veröffentlicht am Sunday, 30. April 2006, 22:35

Dies Domini.

In extrem loser Fortsetzung der kleinen Reihe (hier Teile 1, 2 und 3) möchte ich diesmal einen Aspekt aufwerfen, der sich zwar an den dritten Teil inhaltlich anschließt, jedoch diesen Themenkomplex anders angeht. Vielleicht kann mir ein Protestant da eine kompetente Antwort zu geben, da ich da mal wieder was nicht ganz verstehe.

Es wird mal etwas in der Vergangenheit gegraben.

Da sich die Kirche ja als organischen Leib versteht, hat sie natürlich auch eine Geschichte bzw. Vergangenheit, die ihre Gegenwart konstitutiert. Daher ist es meiner Erfahrung nach besonders erhellend und interessant, ein wenig in der Geschichte der Dogmen und Bekenntnisse zu wühlen und darüber nachzusinnen, warum sie wohl so und nicht anders formuliert wurden.

Vor einiger Zeit dachte ich mal etwas über den Satzteil der “Einen, Heiligen, Katholischen und Apostolischen Kirche” nach, es erscheint so im Glaubensbekenntnis. Dabei meint ja das Wort “Eine” nicht einfach einen unbestimmten Artikel, sondern das Zahlwort, wie es schon das Lateinische ausdrückt (man hätte grammatikalisch auch das “unam” weglassen können). Es gibt also nur nach der Meinung dieses Bekenntnisses, welches sowohl Katholiken und Orthodoxen wie auch Protestanten gemein ist (zumeist nennt man es das “Große Glaubensbekenntnis” gegenüber dem Kleinen, dem sogenannten Apostolischen), nur eine einzige Kirche.

Warum haben die Konzilsväter von damals, es wurde nämlich auf dem 1. Ökumenischen Konzil von Konstantinopel im Jahr 381 (dem Zweiten Ökumenischen Konzil insgesamt) so und nicht anders formuliert, dieses Wort für so wichtig erachtet, daß es ins Glaubensbekenntnis sollte? Ist ja nicht irgendein Text, sondern das Herzstück des Glaubens in Schriftform gegossen.

381 gab es noch nicht die Aufteilung in Ost- und Westkirche, der Protestantismus wurde erst über 1100 Jahre später erfunden und die Streitereien mit Arianern und Monophysiten waren über Fragen der Person Jesu, nicht über die der Kirche (auch wenn besonders Arianer wegen des anderen Glaubens eine eigene “Kirche” hatten - doch Grund dafür war eben nicht eine unterschiedliche Auffassung von Kirche), außerdem kamen die Monophysiten und ihr Gegenpol, die Nestorianer, erst im 5. Jh. ins Spiel.

Also, woran mag es gelegen haben? Im allerersten Ökumenischen Konzil in Nizäa nach dem Apostelkonzil von Jerusalem, welches sich ja noch in der Heiligen Schrift findet und daher eine Sonderstellung hat, in diesem Konzil also aus dem Jahr 325 findet sich zwar auch ein Glaubensbekenntnis, aber eben ohne Hinweis auf die Kirche. Grund für dieses Konzil war der Arianismus, der für das Zweite Ökumenische (das oben erwähnte Erste von Konstantinopel) waren der Bischofssitz von Konstantinopel und andere juridische Themen neben der einen oder anderen irrigen Auffasung über den Glauben, doch kein grundlegender kirchlicher Disput.

Sieht man mal die schon damals begonnene Tradition der Kirche an, daß deutliche kirchliche Verlautbarungen nur dann getroffen wurden, um sich gegen Gegenbewegungen abzugrenzen, so kann es also durchaus sein, daß es schon so etwas wie eine andere Vorstellung von Kirche gegeben haben mag.

Genauso war es.

Der bekannteste Bischof von Hippo in Nordafrika, Augustinus, hat viel von seinen Auseinandersetzungen im 4. Jh. mit denen berichtet, die im Jahr 325 als eigene Gruppe gerade erst 14 Jahre jung, klein und unbedeutend waren, im Jahr 381 dagegen schon eine “Kirche” etabliert hatten, die die Katholische in manchen Regionen Nordafrikas zum Teil zahlenmäßig übertraf:

die Donatisten (ausführlicher auf Englisch dort).

Sie waren meines Erachtens nach der Grund, warum die Katholische Kirche die “eine Kirche” formulierte. Es gibt eben nicht die “eine Kirche” zum gleichen Grad in verschiedenen gleichberechtigten Ausformungen und Traditionen, wie heute gerne behauptet. Die Donatisten waren nicht voll in der Einen Kirche, auch wenn sie aufgrund der Taufe und der sogar gültigen Sakramente auf sie hingeordnet waren. Die “Eine Kirche” ist nicht unsichtbar, zumindest war das damals nicht der Glaube der Kirche, denn dann wären die Donatisten ja mit dabei gewesen, eben eine weitere legitime Form des Kircheseins. Diese immer noch gültige katholische Auffassung ist somit über 1100 Jahre älter als der Streit um sogenannte “Konfessionen”, zu deutsch Bekenntnissen, die mit dem Protestantismus aufkamen.

Was mich nun wundert angesichts des historischen Hintergrundes: was sagen Protestanten zu ihrem eigenen Glaubensbekenntnis, es ist ja auch für diese verbindlich (zumindest in den Landeskirchen)? Lassen sie das “eine” weg oder nivellieren sie es bspw. im Englischen, indem aus dem üblichen “One” ein “a” wird?

Oder anders gefragt: wie kann man die “Eine Kirche” für prinzipiell unsichtbar halten, wenn es diejenigen, die diese “Eine Kirche” formulierten, gar nicht geglaubt haben?


Rechnung geht nicht auf

Veröffentlicht am Sunday, 30. April 2006, 21:18

Dies Domini.

Christen vermuten häufig, daß ihr Glaube sie selbst oder, im Angesicht der eigenen Fehlbarkeit und Schwäche, zumindest andere “Normalchristen” im Durchschnitt zu einem hilfsbereiteren Menschen macht, man meint sehr oft, daß Christen auf der Gauß’schen Kurve des guten Handelns eher am Rand der Glocke zu finden sind. Es wäre auch mehr als wünschenswert. Schließlich ist das Ziel des aktiven Daseins ja nicht das Bewußtsein der eigenen Sünde und auch der Erlösung von ihren Folgen, sondern das Reich Gottes, ohne daß dies natürlich allein in guten Taten bestünde. Doch ohne sie, ohne das Handeln der liebenden Geschwisterlichkeit (Geschwister können auch anders), ist eine Ethik nichts wert. Die Bergpredigt spricht klare Worte.

Doch diese Rechnung geht nicht auf. Christen wissen es, wenn sie ehrlich sind: sie sind eben nicht besser. So erstaunlich und letztendlich unverständlich es uns auch erscheint: viele Menschen handeln gut, ohne daß sie dafür eine durchdachte kausale Begründung haben oder zu brauchen scheinen.

Im Deutschlandfunk gab es eine dreiteilige Serie zur Frage, warum die einen Menschen helfen, die meisten aber nicht, besonders gegen den gesellschaftlichen Mainstream, hier am besten belegt durch die Quellen zur Zeit der Herrschaft Nationalsozialismus. Sehr hörenswert, es werden erstaunliche und unerwartete Beispiele gebracht (als mp3 hier die Teile 1, 2 und 3, je Folge zwischen 25 und 30 Minuten lang).

Die gewünschte Rechnung geht nämlich nicht auf. Der wirklich ernsthafte Glaube an Jesus Christus als Heiland, als Retter der Welt und des eigenen Lebens, und auch an die Richtigkeit Seiner Gebote (die nichts als Liebe sind), führt eben regelhaft nicht zu einem praktischen Umsetzen. Ja, es gibt andere Beispiele, diese Menschen werden auch oft “heilig” genannt. Doch die Masse, ich sicher, Du vielleicht auch, lebt paradox, lebt wert-fern (bzgl. der eigenen Werte), lebt nicht mit den eigenen Überzeugungen, sondern mit dem Abwägen von Kosten und Nutzen an erster Stelle. Lebt, letztendlich, in einem Stadium des steten Heuchelns.

Die Motive jedoch, die einem zu einem Retter und Helfer gegen die Mehrheitsmeinung machen, liegen irgendwie im Dunklen. Das Schema schlechthin scheint es nicht zu geben, auch nicht das religiöse Motiv.


Gebetsbitte

Veröffentlicht am Sunday, 30. April 2006, 14:44

Dies Domini.

Bitte betet für die Seele von Hans O., den ich gestern morgen erfolglos noch in der Notaufnahme versucht habe zu reanimieren. Er war unheilbar an Lungenkrebs erkrankt, aber noch voller Freude und Lebenslust. Der schnelle Tod hat allerdings ein möglicherweise längeres Siechtum verhindert.
Möge der Herr alles von ihm nehmen, was Hans von Ihm trennt.

Bitte betet auch für seine Frau und die sieben verbliebenen erwachsenen Kinder.

(Es war das erste Mal, daß ich entscheiden mußte, wann wir aufhören…)


Wort-Beschneidung

Veröffentlicht am Sunday, 23. April 2006, 15:48

Dies Domini.

Wann hat jemand das letzte Mal in einer normalen Pfarrgemeinde in der Osternacht alle neun Lesungen hören dürfen? Gerade die Osternacht ist ja die Quelle aller weiteren Liturgie, aus ihr speist sich das gesamte Kirchenjahr. Und werden die Lesungen wirklich gebracht, wird auch vielen der Zusammenhang klar, die Göttliche Zäsur der Auferstehung, das alles umstürzende Neue.

Doch so etwas ist dem Volk Gottes wohl nicht zuzumuten.

Es ist dem Volk Gottes einer Pfarrei ja anscheinend schon nicht zuzumuten, daß an einem normalen Sonntag alls drei Lesungen gehört werden (AT, Apostel-Brief und Evangelium). In den allermeisten Fällen werden die “schwierigen” Texte weggelassen, zumeist der des AT. Aus angeblich “pastoralen Gründen” (hier: unterstellte Unmündigkeit der Gläubigen) wird eine Frucht des Konzils, eine größere Wertschätzung der Heiligen Schrift als ganze, zunichte gemacht.

Daß dieses Verkürzen der Lesungen laut offiziellen Maßgaben nur in “pastoralen Notfällen” erlaubt ist, wirft noch ein erschreckenderes Licht auf diesen Sprachraum: entweder sind hiesige Entscheidungsträger der Meinung, es mal wieder besser als viele andere Länder zu wissen oder wir sind seit Jahrzehnten in einem Dauer-Notstandsgebiet der religiösen Reife.

Es trifft in unterschiedlicher Gewichtung wohl beides zu, nur: was ist Henne, was ist Ei?


Ehemalige Krise

Veröffentlicht am Wednesday, 19. April 2006, 21:27

Ich muß schon wieder die Osterfreude unterbrechen - nein, eigentlich wird sie durch folgendes viel klarer:

Kann jemand verstehen, daß es für mich die Ursache einer kurzen, aber tiefen Glaubenskrise war zu erfahren, daß Jesu Göttliche Natur am Kreuz nicht gestorben war? Klingt wie eine Kleinigkeit, zumal man die menschliche und göttliche Natur im Herrn nicht wirklich anatomisch trennen kann - dennoch war dies für mich im wahrsten Sinne des Wortes zuerst erschütternd (und las es damals in Bonaventuras “Breviloquium”).

Natürlich wäre es seltsam zu glauben, daß von Karfreitag bis Ostersonntag die Heilige Dreifaltigkeit irgendwie einen “Defekt” gehabt hätte und zeitweise zur “Zweifaltigkeit” geschrumpft wäre.

Dennoch: daß Gott eben nicht starb (aber irgendwie doch starb, das Aufdröseln überlasse ich anderen), war nicht ohne.

Interessanterweise schweigt sich der Weltkatechismus zum Thema “Kreuzestod der göttlichen Natur Jesu” aus.


Mysterium

Veröffentlicht am Tuesday, 18. April 2006, 14:14

Liturgisch feiern wir heute noch so, als ob Ostersonntag wäre, große Feste werden immer auf mehrere Tage ausgedehnt und acht Tage gelten als ein Tag (übrigens der Grund, warum Sylvester nicht auf Weihnachten fällt).

Deswegen ist es ein Vorgriff, wenn ich jetzt schon über die Zeit bis Christi Himmelfahrt sinniere. 40 Tage ist Christus vielen immer wieder erschienen, und doch haben wir nur sehr wenige Zeugnisse darüber, diese auch nur von den ersten Tagen. Was hätte man ihn alles fragen können? Vielleicht haben die Jünger dies und aus gutem Grund uns nicht überliefert…

Dennoch waren diese vierzig Tage nicht genug, um aus den Aposteln begeisterte Jünger zu machen, dazu bedurfte es des Pfingstereignisses. Sollte uns auch zu denken geben…

Mir fiel neulich auf, daß nach Ostern keiner der Apostel von Jesus als “unserem Bruder” spricht, Petrus spricht gar vom “Herrn, der bei uns ein- und ausging”. Da schimmert eine Fremdheit durch, ein Anders-sein. Keine Kumpelbeziehung, keine dicke Freundschaft zum Pferdestehlen. Auch wenn Jesus selbst die Apostel zum Schluß hin “Freunde” nennt so wird dies von seiten der so genannten nicht wiederholt.

Der Herr ist der Andere. Nach Ostern und zumal nach Pfingsten war den Aposteln die Sendung Jesu klar, nach Ostern die Sendung Jesu, nach Pfingsten die ihrige.

Es wird viel von “unserem Bruder Jesus” gesprochen heutzutage, ich tue das auch, zumal bei “unserem Bruder und Herrn”. Die Apostel waren da zurückhaltender. Was kann das für uns heißen?


Halleluja!!

Veröffentlicht am Sunday, 16. April 2006, 00:54

Der Tod ist nicht das Ende! Christus ist erstanden und lebt in Ewigkeit!

An diesem Glauben hängt alles, darum laßt ihn uns feiern.


Frau K.

Veröffentlicht am Friday, 14. April 2006, 15:26

Sie erlebt ihre eigene Passionszeit seit einigen Wochen und verkörpert für mich ganz real das Leiden. Schläuche: am Hals, in der Nase, im Bauch, in der Blase, piepsende Geräte und immer wieder Weißkittel. Seit Wochen. Tränen und Lachen. Verzweiflung und ein kleines Licht.

Heute starb der Herr. Doch der Tod gewinnt nur kurz um endgültig zu verlieren.

Möge das Leiden von Jesus auch Frau K. helfen, ihr Leiden besser durchzustehen.


Ohne mich?

Veröffentlicht am Wednesday, 12. April 2006, 21:20

Dieser Blog hat zuletzt vieles nicht kommentiert: das Jahrgedächtnis des Heimganges von Karol Wojtyla, Namensgeber meiner “Generation JPII”, die anstehende MTV-Serie “Popetown” und die berechtigten Proteste dagegen, das Schicksal des Christen Abdul Rahman und das Schweigen der islamisch geprägten Welt für dessen Rechte, und vor allem: zuletzt kaum die Zeit des Gedenkens des Leidens des Herrn! Beruflich bedingt, wie bereits erwähnt, gab und gibt es kaum Zeit für Geistvolles. Ich plane das zu ändern, bin aber noch in der Sondierungsphase.

Für mich war die Fastenzeit bisher nicht bis kaum existent in ihrer geistigen Erneuerung. Morgen wieder 26h Dienst, zumindest das Triduum frei. Vom Stundengebet kann ich gar nicht reden.

Vielleicht ist diese Fastenzeit ein unfreiwilliges Blog- und Netzfasten, vor allem auch ein unfreiwilliges Fasten an Kontemplation. Möge diese Fastenzeit für viele eine Phase der Hinwendung zu Ihm sein und gewesen sein, für mich, nicht minder wichtig, war sie bisher eine Phase der unerfüllten Sehnsucht nach Hinwendung.


Hinweis

Veröffentlicht am Thursday, 06. April 2006, 16:52

Da ich mich gerade in den acht Tagen befinde, in denen ich über 110h Stunden arbeiten muß (ohne Überstunden), kann ich natürlich hier weniger schreiben. Das wird sich aber bald auf 60-80h pro Woche “normalisieren”.


Operiert Euch doch selbst!

Veröffentlicht am Saturday, 01. April 2006, 11:50

Dies war eine der Schlagzeilen der vielen Ärztedemos, die stattfanden und in die derzeitigen Ärztestreiks mündeten (die sicher noch ausgebaut werden). Da ich an einem Krankenhaus (KH) in kirchl. Trägerschaft arbeite, sind dort (vorerst) keine Streiks in Sicht.
Laut einer Umfrage des Marburger Bundes, der Gewerkschaft der angestellten Ärzte (also KH und zu geringem Teil Praxis), über die Arbeitsbedingungen und die generelle Atmosphäre seitens der KH-Verwaltungen werden Ärzte nach eigenem Empfinden von KHs in kirchlicher Trägerschaft schlechter behandelt als von öffentlichen Trägern.

Interessant, nicht wahr (wenn auch nicht wirklich überraschend)?

Bezüglich der Ärztedemonstrationen und -forderungen wurde ja schon seitens Fono an der Nüchternheit der Fordernden gezweifelt. Mich würde mal interessieren, was denn nach Meinung der Leserschaft ein 30jähriger alleinstehender Assistenzarzt (der typische Stationsarzt also) so netto pro Stunde in der Lohntüte haben sollte (fono selbst hat bisher leider nicht geantwortet in seinem blog). Es mag ja sein, daß ich mich mit meinen Vorstellungen irre (ich habe meinen Nettolohn ja mal kundgetan hier- und gerade eine Handwerkerrechnung vorliegen, da habe ich ja einen Vergleich…)

Und was die öffentlichen “Zurechtweisungen” angeht: generell ist der Tenor ja der, daß wir nicht mehr verdienen dürfen, weil dann wieder die Beiträge steigen und dadurch (der Arbeitgeber zahlt ja die Hälfte) der “Standort Deutschland” unattraktiver und die Arbeitslosigkeit nicht sinken wird.

Kann mir jemand erklären, welche Schuld oder auch nur welche Verantwortung ich dafür habe, daß sich dieses Land beharrlich weigert, ein ihrer Bevölkerungsentwicklung angemessenes Gesundheitssystem zu bauen? Es interessiert mich nicht, woher das Geld kommt. Mich interessiert, wie ich den 60jährigen Raucher um 02.00 Uhr morgens vor dem Erstickungstod rette. Mich interessiert der Mann mit dem Herzinfarkt und die Frau mit den starken Bauchschmerzen. Das ist mein Job, und angesichts des enormen Aufwandes an Fortbildung, der bei Ärzten natürlich zu 90% in der kargen Freizeit stattfindet, habe ich echt null Veranlassung, mich auch noch um Volkswirtschaft zu kümmern.

Entweder dieses Volk arbeitet mit seinen unterschiedlichen Gaben einander zu oder es hat abgewirtschaftet. Es darf gute Medizin von gut ausgebildeten Menschen erwarten, was allerdings u.a. ausgeruhte Ärzte erfordert (die 3h diese Nacht im 26h-Dienst waren mal wieder mehr als spärlich), die sich nicht noch um Anfragen von medizinischen Laien (irgendwelche Sachbearbeiter von Krankenkassen) kümmern müssen, die nicht auch noch die Abrechnung im KH machen müssen (genau das tun wir nämlich).

Ich sage nicht “dann gehe ich halt”, auch wenn das aus dem KH eher früher denn später der Fall sein wird. Als Niedergelassener macht das Berufsleben auch nicht mehr so viel Spaß, Daumenschrauben sind die Regel, und wenn man dann mal wirklich selbständig sein will (also Kassenzulassungen zurückgeben), dann wird man als Unsozial beschimpft. Daß wir erst mit 26 Jahren anfangen, überhaupt Kohle zu verdienen (in dem Alter hatte ein gleichaltriger benachbarter Arbeiter bei einem ansässigen Chemieunternehmen bereits eine Eigentumswohnung!), interessiert da auch niemanden. Hauptsache die bösen Ärzte.

Schon seltsam: zum Teil die gleichen Menschen, die einem Multimillionär wie Michael Schumacher zujubeln, obwohl dieser sein Vermögen möglichst reibungsarm in der Schweiz versteuert und hier nur absahnt ohne zu geben, regen sich über unseren Berufsstand auf.

Ein immer älter werdendes Volk braucht eigentlich immer mehr Ärzte - doch schaut man sich unsere Altersstruktur der beruflich Aktiven an, folgt der Einbruch bald, in maximal 5 Jahren (insbesondere in den Praxen).

Aber bitte, dieses Volk will es anscheinend so.