Archiv für die 'Eselsohr - Bücherrezensionen' Kategorie



Nichts Neues

Veröffentlicht am Dienstag, 25. August 2009, 15:27

Wer sich mit dem Primat des Petrus beschäftigen will, kommt an dem Leben der “geeinten” Kirche (in “”, weil es auch da immer wieder Streitereien und Spaltungen gab) des Ersten Jahrtausends nicht vorbei. Daß es da grundsätzlich andere Beurteilungen seitens des Ostens und des Westens gibt, ist auch verständlich - und diese Differenzen wird auch kein noch so schlaues Buch aufheben können. Das nebenstehende, von dem hier mangels Alternative nur der Kopf der Einbandes gezeigt wird, hilft aber enorm, das Vorurteil der “Neuerfindung” bzgl. der päpstlichen Unfehlbarkeit aufzuheben. Schon der orthodoxe Theologe Olivier Clément soll gesagt haben (mir fehlt der exakte Quellbeleg, aber es war wohl in seinem Buch “You are Peter“), daß Leo der Große - um genau den geht es in diesem Buch - die römische Primatslehre voll ausgebildet hatte. Stichwörter, die auch mir neu waren, wären bspw. “Räubersynode”, Flavian, Tomus Leonis und der Kanon 28.

Mehr darüber in diesem faszinierenden Buch, für eine Habilitationsschrift erstaunlich gut lesbar geschrieben (natürlich sind Latein- und Griechischbruchstücke unübersetzt, aber für eine Habil ist das okay) und vor allem lebhaft. Man lebt diese Zeit mit, man merkt, worum es ging, man erliest sich die Machtspiele, Sorgen für den Glauben, Intrigen und Eitelkeiten.

Nein, der römische Primat ist nichts Neues - weder für den Westen noch für den Osten.


Anspruchsvoll

Veröffentlicht am Montag, 11. Mai 2009, 23:23

Der Buchumschlag sagt eigentlich nur, daß der Autor, Dogmatiker aus Bonn und von mir wegen seiner nüchtern fundierten orthodoxen Argumentation gerne gelesen, gegen die sog. Pluralistische Religionstheologie anschreiben würde. Doch das Buch ist viel mehr, es ist eine komplette Christologie und zeigt die spannende Entwicklung der Dogmatisierung bis zu dem sehr spannenden Fragen der Neuzeit und Postmoderne (z.B.: was genau ist denn jetzt Erlösung?).

U.a. zeigt sich am Thema Christologie auch, daß es natürlich schon in der Alten Kirche Dogmenentwicklung gegeben hat- sowohl von ostkirchlich-orthodoxer wie lateinisch-traditioneller Seite habe ich dagegen des öfteren gelesen, daß Weiterentwicklung ein Zeichen für Abfall vom rechten Weg sei.

Das Buch ist anspruchsvoll, man kann es nicht so in einem Rutsch durchlesen, dazu ist es aber auch nicht gedacht. Eine Unmenge an Literaturangaben und Primärquellen hat dabei der Autor durchgeackert, alleine das verdient schon Respekt.

Leider gibt es ein kleines Manko für ein Buch, das sich nicht explizit an Theologie-Studenten richtet - das aber mehr dem Lektorat des Verlages auffallen sollte - die griech. Wörter werden nicht immer in lateinischem Alphabet wiedergegeben. Für Menschen wie mich, die ihre Kenntnisse weniger griechischer Buchstaben dem Mathe- und Physik-Unterricht der Schule vedanken, ist das manchmal hinderlich.

Ansonsten: für Interessierte sehr zu empfehlen!


Alt und neu

Veröffentlicht am Donnerstag, 19. März 2009, 13:01

Hochfest des Hl. Josef.

Bereits hier hatte ich erwähnt, daß ich derzeit mit großem Gewinn eine historisch-kritische Einführung ins Neue Testament lese, ich hatte zuerst den 2. Band und beschäftige mich daher mit den Paulusbriefen. Schon vorher hatte ich allerdings eine andere Schriftreihe entdeckt, die zwar nur noch antiquarisch zu haben ist (die Neue Echter Bibel findet man so auch günstiger), aber dennoch alles andere als veraltet. Insbesondere weil sie eine Imprimatur hat (also die sog. “Kirchliche Druckerlaubnis”) und aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammt, gibt sie der Exegese einen anderen Schwerpunkt.
Dieses “Regensburger Neues Testament” nimmt zwar bereits die historisch-kritische Exegese auf, aber bspw. bei der Verfasserfrage der paulinischen Schriften (also ist ein Brief wirklich von Paulus oder nur in seinem Namen von jemand anderem geschrieben worden) neigt sie doch zu der traditionellen Antwort, daß die paulinischen Briefe auch von ihm seien - aber das auch wohl begründet (die Rezeption in der frühen Kirche bzgl. dieser Frage kommt mir bei Broer zu kurz).

Daher lohnt es sich wirklich, beides zusammen zu lesen, da beide Seiten unterschiedliche Argumente anders wichten und man daher schon besser eine eigene Meinung haben kann.

Bislang habe ich mich (fange ja erst an) mit den beiden Briefen des Paulus an die Gemeinde in Thessaloniki beschäftigt und neige der Ansicht zu (die laut Broer - hier wieder der Verweis zum verlinkten früheren Beitrag - auch akzeptabel ist, auch wenn er sie nicht teilt), daß beide Briefe wirklich von Paulus stammen bzw. der zweite zumindest in seinem Wissen und mit seiner persönlichen Autorisierung geschrieben wurde.

Daß das alles eine andere ganz andere Herangehensweise an die Schrift ist als eine geistliche, ist mir klar. Aber ich muß zugeben, daß sie mir Spaß macht.

Das Regensburger Neues Testament ist je Band sowohl eine Einführung als auch eine Auslegung der jeweiligen Schrift, dadurch natürlich knapper als Die Neue Echter Bibel.


Mit Gewinn lesen

Veröffentlicht am Mittwoch, 11. März 2009, 15:51

Lange Zeit stand ich der sog. historisch-kritischen Exegese (kurz HKE) recht kritisch gegenüber. Da schien mir doch zuviel über Bord geworfen worden zu sein: der historische Jesus versus den Jesus nach Ostern (also rückblickend interpretierte), seine eigenen Worte versus denen, die ihm in den Mund gelegen worden sein sollen, die echten versus den unechten Paulusbriefen etc. - und dies nur in Beziehung zum Neuen Testament!

Doch ich habe jetzt festgestellt, daß es nicht an der HKE liegt, was in mir Unbehagen ausgelöst hat, sondern die Art und Weise, wie nicht die Protagonisten dieser Methode, sondern deren Schüler (also meistens Theologen, die das zwar gelernt hatten, aber vielleicht mangels Zeit sich nie tief ins das Thema knien konnten) das ganze verkauften an die theologische Laienschar.

An andere Stelle schrieb ich kürzlich dazu (albern, ein Selbstzitat):

Im Moment lese ich übrigens mit großem Gewinn die beiden Einführungsbände ins NT von Ingo Broer der “Neuen Echter Bibel” (ein historisch-kritischer Kommentar basierend auf dem Text der EÜ). Ich stelle fest - mea culpa - daß mich die HKE eigentlich überhaupt nicht stört, wenn sich ihre Vertreter, wie es Broer wohltuend macht und wie es m.E. einem jeden Geisteswissenschaftler ansteht, die eigenen Meinungen nicht nur behauptet, sondern begründet, Nebenmeinungen zuläßt und darlegt und generell die Grenzen der eigenen Erkenntnis deutlich macht.

Bisher hatte ich mehr von den Schülern der HKE gelesen und gehört, die einfach nur Meinungen wiedergegeben haben à la “der Kolosser-Brief ist sicher nicht von Paulus, da hat die Wissenschaft lange bewiesen”. Daß es da immer einen Fluß an Meinungen gibt, daß ein Konsens bröckeln und sich ändern kann, daß es in dem Gebiet überhaupt keine Be-, sondern höchsten Hinweise geben kann, kam mir da immer zu wenig raus.

So wie bei Broer ist die HKE dagegen ein absoluter Gewinn.

Und hier findet sich das Bild eines Bandes von den beiden, auf das sich das Zitat bezieht.


Unbedingt zu empfehlen!

Veröffentlicht am Donnerstag, 05. März 2009, 22:43

Es gibt wenig besseres, was man zurückgezogen tun kann, als in der Bibel zu lesen. Insbesondere in der Fastenzeit und dazu noch im Paulusjahr kann man sich bspw. gut mit den Schriften dieses großen Mannes beschäftigen.

Doch vielleicht bin ich nicht der einzige, der lange Zeit dachte: wo fange ich nur an? Wie kann ich diesen Berg “Heilige Schrift” auch nur ansatzweise erklimmen, zumindest sinnvoll anfangen, zumindest beim Neuen Testament?

Natürlich hat da jeder andere Ziele: der eine bevorzugt die lectio divina, der andere fängt einfach vorne an und liest alles durch, der andere liest jede Fußnote und blättert jeden Hinweis auf das AT durch und bleibt lange an einem Vers hängen.

All das ist gut. Was mir aber am Anfang fehlte, obwohl ich schon häufig das NT komplett gelesen hatte, war das, was die Angelsachsen mit “the big picture” meinen - ein Abriß und Überblick über Anlaß, Ziel und Gruppe bspw. eines Paulusbriefes. Gleichzeitig sollte eine Einführung aber nicht nur das bringen, sondern auch Hilfen für ein vertiefstes Studium, Querverweise, Erläuterungen auch von einzelnen Wörtern, Hintergrundinfos - also alles von oberflächlich bis tief.

Und genau das leistet dieses Buch des Patmos-Verlages - man kann es einfach durchlesen und weiß schon viel mehr, aber auch die Arbeitsanweisungen durchackern, dann ist es ein wirkliches Arbeitsbuch. Es wird ein genereller Überblick geboten, aber auch diffizileres angesprochen. Bestes Beispiel: die Gründe Für und Gegen eine Verfasserschaft von Paulus beim 2. Brief an Timotheus werden angeführt, damit sich der Leser - selten zu finden - eine “eigene Meinung bilden kann”. Sehr erfrischend!

Die einzelnen Texte werdern zwar sehr kurz abgehandelt (es ist auch nur eine kurze Einführung ins NT), aber dafür wird der Leser mitgenommen auf verschiedene Reisen: Frauen im NT, die Kirche im NT, Jesus im NT und vieles mehr. Sehr zu empfehlen. Macht Spaß und ist super zu lesen.

Vielleicht keine Überraschung, daß es die Übersetzung eines französischen Buches ist.


Ohne ISBN

Veröffentlicht am Mittwoch, 19. November 2008, 12:38

und damit nicht im Buchhandel bestellbar, sondern nur hier, ist dieses ca. 600 Seiten dicke Nachschlagewerk dennoch absolut unentbehrlich für jeden, dem das Schicksal der Verfolgten Glieder Jesu Christi nicht gleichgültig ist:


Interessant

Veröffentlicht am Samstag, 20. September 2008, 20:45

Es gibt kaum einen anderen Mann, der von der weit überwiegenden Ärzteschaft so verabscheut wird wie der Autor dieses Buches, das ich u.a. genau deswegen gelesen habe (nein, ich verabscheue ihn nicht, tue ich m.W. niemanden). Karl Lauterbach ist Mitglied des Bundestages (SPD), Direktmandatsträger. Er ist ein exponierter Fachmann auf dem Gebiet der Gesundheitspolitik. Sein Buch geht natürlich auch darüber, aber auch über die systemimmanenten Ungerechtigkeiten der Bildung, Rente und Pflegeversorgung.

Was die Gesundheit angeht, und da kenne auch ich mich ja berufsbedingt mehr als nur ein wenig aus, so stimme ich den Diagnosen größtenteils zu, halte aber die Therapievorschläge zumeist für falsch (ähnliches kann ich vom Sozialismus behaupten). Zum Teil habe ich ein anderes Menschen- und Staatenbild als Herr Prof. Lauterbach.

Ach ja, Profesor ist er auch, auch Leiter eines Institutes, welches sich der Gesundheitsökonomie widmet. Deren Ergebnisse werden im Buch auch häufig als Quelle gebracht- daß er diesen Laden gegründet hat (ich weiß nicht, ob er ihn noch leitet), erwähnt er nur einmal nebenbei. Daß er neben dem Mandat im Bundestag auch noch im Aufsichtsrat einer der größten Klinikketten sitzt, erwähnt er gar nicht. Daß er im Wissenschaftlichen Institut der AOK sitzt, auch nicht. Daß das Bundestagsmandat ihn offensichtlich nicht so ausfüllt und er daher noch Zeit und Energie (und finanzielle Aufwendungen bekommt und bekam) für insgesamt über ein halbes Dutzend anderer Tätigkeiten hatte oder hat, erwähnt er - wen wundert’s - auch nicht. Schmälert dann doch den Wert dieses Büchleins…

Ach ja, Medizin studiert hat er. Aber als klinischer Arzt (also in Krankenhaus oder Praxis) hat er nie gearbeitet.

Aber kurz etwas zum Inhalt: Daß die Sozialsysteme präkollaptisch sind (u.a. weil jedes Jahr über 120.000 gezeugte Kinder nicht geboren werden), ist ja mehr als bekannt.
Herr Prof. Lauterbach will dafür die Finanzen auf eine viel breitere Basis stellen (hauptsächlich Steuern), was ich auch gut verstehen kann. Das aktuelle System ist, da man aus der Solidarität aussteigen kann wenn man wohlhabend genug ist, ganz einfach asozial.
Aber im Détail sehe ich doch vieles anders: er behauptet, Erbschaft sei ein ungerechte Art von Reichtum - was soviel heißt wie daß es ungerecht sei, von sparsamen Eltern zu profitieren, die ihre Kinder für die Zukunft nach eigenem Wunsch mit bereits versteuertem Geld versorgen wollen. Das sehe ich gelinde gesagt anders.
Er will die Ganztagsgesamtgrundschule als Pflicht. Das sehe ich ebenfalls anders - hauptverantwortlich sind die Eltern, nicht der Staat. Das Angebot sollte da sein, für alle erreichbar (daher kostenlos), aber Pflicht? Nein.
Die Liste der Meinungsverschiedenheiten könnte man lange fortsetzen, insbesondere beim Gesundheitssektor. Aber da hat er sich ja selbst eh schon disqualifiziert als neutrale Position.


Mal wieder Empfehlung

Veröffentlicht am Dienstag, 01. Juli 2008, 11:32

Derzeit ist es diese eine Schriftstellerin, die aus zutiefst russisch-orthodoxer Sicht das Leben hier im Westen messerscharf analysiert, die für mich eine wichtige geistige Nahrung darstellt (schon mal hier zitiert).

Tatjana Goritschewa.

Ihre Bücher sind zwar aus den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts, aber die Analyse ist nachwievor richtig. Und ihre Antwort beeindruckend. Besonders das erste Buch schildert die dramatischen Opfer, die Neubekehrte für ihren Glauben freudestrahlend darbrachten. Könnte ich das?

Von Gott zu reden ist gefährlich

Die Kraft christlicher Torheit

Die Kraft der Ohnmächtigen


Viel besser als gedacht

Veröffentlicht am Dienstag, 17. Juni 2008, 10:26

Zuerst war ich ja skeptisch, als ich das Buch geschenkt bekam und mich entschloß, diesem als Urlaubslektüre mal eine Chance zu geben. Doch Andreas Englisch, BILD-Vatikanreporter (die Sache mit den vier großen Lettern ließ mich zuerst die Stirn runzeln), schreibt wirklich sehr angenehm über das, was so viele Zeitgenossen beschäftigt bzw. was viele Zeitgenossen ablehnen: die Frage nach der Wahrheit der Wunder, die von der Gliedern der Kirche als Tatsache geglaubt werden dürfen (nicht müssen übrigens), die also offiziell anerkannt wurden. Im weiteren Sinn gehören zu diesen Wundern auch Exorzismen, auch dieses Thema wird zu Anfang behandelt. Ansonsten geht es insbesondere um Marienerscheinungen und fragliche Reliquien Jesu.
Das besonders Angenehme an den Ausführen Englisch’ ist es, daß er es dem Leser letztendlich selbst überläßt, an Faktizität der Geschichten zu glauben oder nicht, er selbst legt sich auch nicht ganz fest. Daß er jedoch Zweifel an zuvor sicher Geglaubtem schürt, ist ein Verdienst.
Englisch ist eben ein Kind des 20. Jh. mit all seiner Geschichte, und wenn sich eines herausgebildet hat mit der Erfahrung dieses Jahrhunderts, dann ist es: erst einmal niemandem glauben. All das wird offen angesprochen, das macht das Buch sehr lesenwert.


Neue Quelle

Veröffentlicht am Sonntag, 12. August 2007, 23:06

Dies Domini.

Als ich dieses Buch fand, in einem Klosterbuchladen und zu herabgesetztem Preis, dachte ich: ach, mal wieder was “Neues” franziskanisches, naja, Du hast ja eh schon mehr oder weniger die wichtigsten Sachen.
Und dennoch, wie bei manchen Buchthemen, ich nahm es mit, so teuer ist es ja nicht.

Es stellte sich heraus, daß es ein wirklicher Edelstein an franziskanischer Literatur ist. Wenn man “Franziskaner” hört und überlegt, was die so tun, dann denkt man an Sozialarbeit, an Friedensarbeit, an Ökologie etc.
Das ist auch alles richtig und wichtig, doch hier wird einmal der Urgrund dessen herausgestellt, der die Franziskaner und Klarissen (letztere sind ja eh bedeutend kontemplativer, eben im abgegrenzten Kloster lebend) dazu bringt, solches zu tun (bzw. bringen sollte, da liegt menschelt es auch sehr).

Was unterscheidet franziskanische Spiritualität bspw. von der der Benediktiner? Wie sehen sie die Welt und den Nächsten? Wie sehen sie den Mitmenschen anders als andere? Was ist franziskanische Mystik, wie unterscheidet sie sich vom Einheitsstreben mancher östlicher Religionen?

Und vor allem und am wichtigsten: was hat das mit mir zu tun, ja, im wahrsten Sinne des Wortes und ganz im heute: was habe ich davon?

Dies alles und mehr beantwortet dieses Buch auf eine sehr gute Weise, sozusagen anwenderfreundlich.

Für alle franziskanisch Interessierten: lesen. Und versuchen zu leben. Für mich wird es eine immer wieder wichtige Quelle werden.


Lehrreich

Veröffentlicht am Montag, 21. Mai 2007, 22:48

Mit insgesamt rund 900 Seiten sind diese beiden Bände schon vom Umfang her schwere Kost, bin auch noch nicht ganz durch. Doch auch so ist es ein eher anspruchsvolleres Lesen bzw. Verstehen - und da scheitere ich wohl auch mal ab und an. Doch Gewinn habe ich auf jeden Fall aus dieser Lektüre gezogen, und den möchte ich mal kurz anreißen.

1. Klar wurde mir vor allem mal wieder der Reichtum der Hl. Schrift in ihrer Gänze und daß wohl ein kleines Menschenleben wie meines nicht ausreicht, etwas von der Tiefe auch nur ansatzweise hinreichend auszuschöpfen. Dadurch wird aber auch der Spaß an der Bibel nicht weniger, sondern mehr.
2. Daß die Bibel mit ihren beiden Teilen jeweils auf ganz eigene Art Zeugnis von Jesus als dem Messias und Sohn Gottes abgibt, daß beide Teile unverzichtbar sind, zusammengehören in ihrer unbestreitbaren Andersheit.
3. Eines fällt direkt auf, da der Autor Brevard S. Childs schon von Beginn an die Meinungen zahlreicher Exegeten und Theologen kommentiert: es gibt eine Unmenge von Theologenmeinungen, und die Tatsache, daß ein Theologe in seinem Spezialfach etwas sagt, macht es noch lange nicht zur “wissenschaftlichen Wahrheit”. Neuzeitlich sind wir sehr durch den naturwissenschaftlichen Umgang mit dem Begriff der Wissenschaft selbst geprägt, und die da herrschende strikte Kontrolle durch Fachkollegen (peer review) gibt es zwar auch in der Theologie, doch als Geisteswissenschaft hat sie natürlich ein ganz anderes Maß an möglichen Meinungen und Theorien, da es nicht um Nachprüfbarkeit per Experiment geht, sondern um Interpretation. Früher oder später landet man bei so einem manches Mal Meinungs-Touhouwabouhou doch bei einem benötigten Lehramt, zumal es immer um die Wahrheitsfrage in der christlichen Theologie gehen muß (will sie was wert sein) und der ewige Disput nirgendwohin führt, wo Klarheit nötig wäre. Übrigens kritisiert Childs hier die historisch-kritische Methode, da sie von der Methode her die Wahrheitsfrage ausklammern muß und viele Vertreter dieser Methode das aber nicht täten.
4. Das Neue Testament ist das Resultat der schriftlichen Niederlegung der Erfahrung der ersten Christen mit dem Auferstandenen - eine Leugnung der Auferstehung mithilfe der Evangelien ist somit vollkommen hirnrissig. Man kann gleichermaßen die Bundesrepublik Deutschland nicht sinnvollerweise mithilfe des Grundgesetzes leugnen, welches es ohne sie nicht gäbe.
5. Kommt es zum Thema Rechtfertigung, so ist Childs durch und durch Anhänger der Reformation, wie er auch grundsätzlich kaum katholische Exegeten zu Wort kommen läßt. Aber das mindert den Gewinn der Lektüre keineswegs.
Und 6. und für mich am bedeutendsten: ich lese die Bibel nicht so wie Exegeten es anscheinend tun. Ich kann und will sie nicht so lesen. Für mich steht die Geistliche Lesung über der eher nüchternen Art der aktuellen Theologie. Ich bin aber froh, dies auch vertrauensvoll dem wissenschaftlichen Austausch in der Kirche zu überlassen, mit allen in 3. genannten Voraussetzungen. “Bei uns” muß ja nicht jeder alles machen, sondern als Glieder des einen Leibes hat jedeR den je eigenen Job zu tun.


In einem Rutsch

Veröffentlicht am Samstag, 13. Januar 2007, 12:35

durchgelesen habe ich dieses Buch. Nun ja, nahezu, aber innerhalb weniger Tage war es durch. Der Inhalt verspricht weit mehr als der etwas spröde Klappentext.
Da mich seit Beginn meiner religiösen Existenz die islamische Welt interessiert, konnte ich diesem Buch nicht widerstehen, zumal es mittlerweile recht günstig zu bekommen ist.

Bereits vor rund drei Jahren habe ich hier das Testament des Priors der Trappisten im algerischen Tibhirine, Christian de Chergé, in einem Eintrag verbreitet - und wundere mich jetzt übrigens darüber, daß ich damals schon von dem Buch wußte.
Selbiges beginnt bei der Lebensgeschichte des späteren Priors Christian, seine Leidenschaft für Algerien, seine Lebensrettung dank eines einfachen Muslimen, der wie die große Mehrheit friedliebend war und dafür sterben mußte, daß er einen “Roumi” (Christen) schützte.
Es zeigt, wie Inkulturation funktionieren kann. Das Buch zeigt auch, daß es nur über Liebe geht, daß Mission unter Muslimen heutzutage insbesondere Mission durch Lebenszeugnis ist (zumal in einer Bevölkerung mit hohem Anteil an Analphabeten, wie in fast allen arabischen Ländern). Es gab auch Konflikte innerhalb der Brüder, deren Alltagsleben und auch spezifisch Mönchische nicht so sehr beleuchtet wird wie das Leben innerhalb eines muslimisch geprägten Landes, die daherrührten, daß der Prior nach Meinung einiger Brüder zu wenig die eigene christliche Identität hervorhob. Dazu wird der Bürgerkrieg in Algerien selbst gut erläutert und mit Hintergründen gespickt erklärt.

Als Christ unter muslimischer Mehrheit, das erkannte schon Franziskus vor fast 800 Jahren, geht es besonders um das “unter”. Das war zu Zeiten des Heiligen aus Assisi unbeliebt und ist heute auch kein Mainstream innerhalb der Kirche. Doch ich denke es ist eben der Weg der Liebe.

Sie fingen mit zwölf an.


Zurechtgerückt

Veröffentlicht am Donnerstag, 23. Februar 2006, 00:55

Wenn es eine innovative Theologie gibt, die sich ihren Ruf so richtig gut vermiest hat, dann sicher die Befreiungstheologie. Die einen meinen hocherfreut, “Rom” hätte sie verurteilt (was nicht stimmt), die anderen halten sie gerade deswegen hoch, weil ein Verbotsschild aus Rom einem Qualitätssiegel gleichkäme. Da es nicht die eine Befreiungstheologie gibt, wurde auch nicht sie in ihrer Gänze verurteilt, ganz im Gegenteil, sondern lediglich die zu marxistischen und säkularen Auslegungen ihrer selbst. Denn sie ist Theologie bester Schule und im strengen Sinn des Wortes. Wie sehr das auch und gerade heute stimmt, zeigt dieses Buch. Gutiérrez ist Peruaner und der Gründervater der Befreiungstheologie (und hat sich nicht mit der Kirche überworfen), Müller medial derzeit recht heftig angegriffener Bischof von Regensburg und Freund von Gutiérrez; er kennt die Situation der Armen dort vor Ort aus jahrelanger Anschauung selbst (wer selbst einmal erlebt hat, was materielle nackte Armut wirklich heißt - d.h. sie auch nur ansatzweise selbst gespürt hat - der muß gleichsam zum Befreiungstheologe werden).

Dabei sind beide Sichtweisen wichtig, die des Betroffenen vor Ort und die aus der europ. Distanz (wobei es auch hierzulande Arbeit zuhauf gibt diesbezüglich). Bischof Gerhard Ludwig Müller zeigt in einem Essay (”Befreiungstheologie im Meinungsstreit”) sehr gut und auf hohem Niveau, u.a. warum die Befreiungstheologie hier nie richtig Fuß fassen konnte - zum Großteil liegt es an der Nomenklatur (Klassenkampf, Sozialismus etc.), die in Lateinamerika eine doch ganz andere Konnotation hat als bei uns an der ehemaligen Grenze des Kalten Krieges. Er zeigt aber auch die Bedeutung für die Welt auf, denn diese Art von Theologie ist keine spezifische Lateinamerikas (ich las mal woanders den Satz “bei 40 °C im Schatten ändert sich die Theologie”…).
Gustavo Gutiérrez OP (seit vergleichsweise kurzer Zeit bei den Dominikanern) erläutert in “Wo werden die Armen schlafen?” (¿Dónde dormirán los pobres?) das grundlegende Anliegen der Befreiungstheologie (in Kürze: wie erkläre ich einem Armen, dem es am Allernotwendigsten fehlt, daß Gott ihn liebt?)- natürlich sind alle anderen Beiträge der beiden auch sehr lesenswert.

Also, wer jenseits von Streit und Pamphlet eine anspruchsvolle Würdigung dieser für die Kirche eminent wichtigen Theologie erfahren möchte, dem sei dies hiermit empfohlen.


Alles katholisch

Veröffentlicht am Samstag, 11. Februar 2006, 23:04


Kennt jeder

Veröffentlicht am Samstag, 11. Februar 2006, 21:14

Ich befürchte, daß jeder von uns Menschen enger kennt oder ihnen begegnet, die die Autorin dieses Buches, welches in Frankreich einiges an Aufruhr verursacht hat, bewußt provokant “Perverse” nennt. Sie sind pervers, weil sie Macht in Verbindung mit Erniedrigung ausüben wollen, weil sie Kommunikation trotz evtl. vieler Worte eigentlich verweigern. Es gibt sie in Partnerschaft, Familie, Arbeitsplatz etc.

Schon spannend: ich las die beispielhaften Schicksale (alle aus der Praxiserfahrung der Autorin, die als Psychotherapeutin tätig ist) und konnte gleich einige mir bekannte Situationen grob eingruppieren - dabei halte ich das nicht für einen tragischen Zufall.

Perverse gibt es überall.


Angst?

Veröffentlicht am Freitag, 20. Januar 2006, 12:37

Während meines Studiums habe ich mir aufgrund der zu lernenden enormen Faktenmenge eine Lesart angewöhnt, die zwischen Überfliegen und Lesen liegt. Sehr schnell und versuchend das Wichtigste zu erkennen.

Hier (ich habe den Text in einer anderen Ausgabe) mußte ich neu Lesen lernen. Jedes Wort, jeder Ausdruck hat Gewicht.

Kierkegaard lotet in allen Richtungen aus, woher die Angst kommt, was ihr Wesen ausmacht (”die Möglichkeit der Freiheit”), wie sie psychologisch zu beurteilen ist. Dabei ist es eine Schrift zwischen Psychlogie und Theologie, ständig bezugnehmend auf die Ursünde durch Adam (deren Wesen und Bedeutung auch sehr eindrücklich klar gemacht wird - sehr gelungen!).

Schwere Kost. Doch sehr erhellend und empfehlenswert. Nicht nur, um neu Lesen zu lernen.


Tiefe und Weisheit

Veröffentlicht am Montag, 16. Januar 2006, 16:39

Wer die orthodoxe Kirche verstehen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Aber auch wer sich selber besser verstehen will, dem sei es ans Herz gelegt. Die Erfahrung der ersten Wüstenväter, hier sind deren Sprüche und Weisungen gesammelt, ist reich an Weisheit und Tiefe, betrifft uns heute genauso wie die Menschen damals. Es geht um die Natur des Menschen, nicht um bloß Zeitgebundenes. Diese Aussage gilt zwar nicht für alles in dem Buch, doch es ist eines der wichtigeren in meinem bisherigen Leben (angedeutet schon hier).


In jedem verborgen

Veröffentlicht am Montag, 16. Januar 2006, 16:06

Nicht daß sie alle Psychotherapeuten werden oder sein sollen, aber dieses Buch ist für jeden ärztlichen Kollegen ein Gewinn, der mit Menschen zu tun hat, die an existentielle Fragen des Lebens gelangen (und das sind nicht wenige). Angesichts schrecklicher Diagnosen für sich selbst oder Angehörige stellen sich natürlich Fragen, die über das rein medizinische weit hinausgehen.

Schön legt Viktor Frankl dar, selbst jüdischer Überlebender eines Nazi-Konzentrationlagers, daß der Arzt/Therapeut auch bei sehr unreligiösen Menschen den “unbewußten Gott” ansprechen kann - mit all den vorgegebenen Zurückhaltungen ob des sehr intimes Themas.
Insbesondere gegen die Tabuisierung des Religiösen bei psychischen Nöten schreibt Frankl an. Und gerade wegen seiner Biographie nimmt man ihn die Ergebnisse auch ab.

Geschenkt wurde mir dieses Büchlein übrigens von einer Anästhesistin, mit der ich so manche Nachdienste und Notfälle durchzustehen hatte. Ich war erst sehr skeptisch, doch bin jetzt von der Logotherapie sehr angetan. Einiges mehr harrt bereits der Lesung…

(Wird mal Zeit, daß ich die Rezensionen wieder auf einen neueren Stand bringe)


Mehr als nur lustig

Veröffentlicht am Mittwoch, 20. Juli 2005, 20:02

Die “Zehn Gründe für den Zölibat” von Hans Conrad Zander hatte ich schon gelesen (und hier mal empfohlen), jetzt fand ich zufällig dieses Exemplar, welches es jetzt außerhalb der Buchpreisbindung für viel günstiger gibt.
Dargestellt werden en détail die Gruppe der Menschen, die es zander am meisten angetan haben: die ersten Wüstenväter, Säulenheiligen und ihre Nachfolger.

Und das ganze ist natürlich im typische satirisch angehauchten Zander-Duktus geschrieben (die Frage ist nur ob viele Leser merken, daß er es eigentlich recht ernst meint, wie so viele Satiriker…). Es ist sehr erfrischend zu erfahren, wenn man denn Zanders Quelleninterpretation teilt, daß nicht selten das Exil in die Wüste und auf die Säule alles andere als bloß fromme Ursachen hatte. Zander holt die ersten christlichen Mönche dieses Planeten wieder auf die Erde
zurück, nimmt den Heiligenschein erst einmal weg und schaut sie als ganz normale Kerle an. Gut so. Und an seiner Interpretation kann durchaus einiges dran sein. Interessant besonders seine Ansicht über den Umstand, daß es (seit jeher!) viel mehr Ordensfrauen als -männer gibt und daß das religiöse Vagabundieren aus ähnlichem Grund eher Männersache ist. Mehr wird nicht verraten.


Fast getroffen

Veröffentlicht am Montag, 11. Juli 2005, 23:25

Ein sehr guter Freund wollte unbedingt, daß ich sein Exemplar dieses Buches lese, selbst gekauft hatte und hätte ich es mir nicht. Nun denn, es läßt sich einfach durchlesen. Und es gibt auch wirklich Positives zu berichten darüber, nur leider blieb der Autor eben nicht bei dem, was der Untertitel versprach: der politischen Botschaft.
Religion hat immer mit Politik zu tun, da sie mit dem Menschen zu tun hat, das hat ja schon ein Gandhi treffend formuliert. Und gerade das Evangelium steckt voller politischem Sprengstoff, das gehört immer wieder ins Herz, Gebet und Tun der Kirche und all ihrer Glieder. Wenn der Mensch der Weg der Kirche ist, dann darf das aus Sicht eines Christen bei allem gesellschaftlichen Handeln nicht anders sein - der konkrete Mensch, nicht ein Abstraktum der Masse. So weist Geißler zurecht darauf hin, daß jegliches wirtschaftliches Treiben aus Sicht
des Evangeliums nur ein Ziel haben darf: dem Menschen dienen.

Vieles an dem Buch ist mehr als schräg, sogar richtig daneben. So wird mit dem spekulativen Faktum argumentativ(!) vorgegangen, was der berühmte Samariter sicher (sic) getan hätte, wenn er zu dem Zeitpunkt des Ausraubens und Verprügelns des ebenfalls im Gleichnis erwähnten Mannes durch die Räuber und nicht erst später gekommen wäre. Und es wird u.a. damit argumentiert, daß eben nicht der Menschensohn, damit habe Christus sich selbst natülich gar nicht gemeint, sondern der Mensch generell Herr über den Sabbat sei.
Viele Fragen bzgl. der Schriftübersetzung werden mit einem einfachen “falsch übersetzt!” vom Tisch gefegt - nachgelesen bei Herrn Pinchas Lapide und 1:1 (mit schlechterer Wortwahl) übernommen, anscheinend ohne sich gegenteilige Darstellungen anzulesen.

Wenn Geißler bei dem eigentlichen Thema geblieben wäre, hätte er eher getroffen. So war es eine Abrechnung mit der bösen Kirche und ihren Menschengesetzen, mit der falschen Schriftübersetzung und der falschen Christologie.

Dafür ist so ein wichtiges Thema viel zu schade.


Sperrig

Veröffentlicht am Montag, 20. Juni 2005, 23:03

Ja, es ist irgendwie sperrig, dieses Buch, das einfach nur ein Thema hat, einen Menschen: Jesus aus Nazareth. Über 800 Seiten geht es um niemand anderen, um nichts anderes. Nahezu jede Facette, die jemals Streitpunkt war, die im Bewußtsein des gemeinen Christen oder Interessierten sein könnten, wird behandelt. Dabei wird nichts ausgelastet - das Aufräumen von Klischees, das Hinterfragen von wiss. Übereinkünften, das Hinterfragen der eigenen philosophischen Einstellung des Lesers, der ja mit einem bestimmten (manchmal unbewußten) Hintergrund an den Bibeltext geht. Recht wohltuend ist der Umgang mit nichtbiblischen Schriften, da auch sie durchaus einiges zum Wissen über diesen Mann beitragen können.

Aber ist das Buch wohltuend? Es ist kein wissenschaftl.-theologisches Werk, will es auch nicht sein. Es tut wohl, daß der Text der Hl. Schrift in seine Zeit, in seine Fremdheit verortet wird ohne daß wir uns anmaßen, alles besser beurteilen zu können als die Menschen damals, die der Zeit viel näher standen. Es strengt aber auch an, da wirklich fast nichts ausgelassen wird.

Insgesamt finde ich das Buch durchaus empfehlenswert. Es ist sperrig im Kopf, bleibt hängen. Das ist gut.

Negativ finde ich manche Pauschalurteile gegen wiss. Theologieströmungen, nicht wegen des Urteils an sich, das teile ich häufig, sondern wiel sie außer am Schluß ab und zu eigentlich nie mit irgendwelchen Quellenangaben verifiziert werden. Wenn man argumentativ angreift, sollte man zumindest exemplarisch Roß und Reiter nennen. Ein Anhang am Schluß mit Fußnotenverzeichnis stört den Lesefluß nicht und hätte all denen gedient, sie sich tiefer damit befassen möchten. Denn manchmal scheinen die Standardwerke der Theologie wirklich so haarsträubende Thesen als “gesicherte Erkenntnis” zu verkufen, daß man schon deren Titel gerne wüßte (da bin ich ja immer froh, daß die Bischöfe der Kirche und nicht die Professoren den Glauben überliefern - dem Glauben ist Irrtum auf dem neuesten Stand (Wissenschaft) nicht
gerade zuträglich).


Richtige Diagnose

Veröffentlicht am Donnerstag, 26. Mai 2005, 21:48

Aber falsche Therapie. Dieses Buch, in dem anscheinend schon sehr viele geblättert haben (von Kollegen über Turnlehrerinnen erzählten mir viele, vor Jahren oder Jahrzehnten - erstmals 1976 erschienen - es gelesen zu haben), beschreibt anschaulich und bis heute gültig die kommerziellen Umtriebe des Menschen im sog. Haben-Modus als Gegensatz zu dem dem Menschen viel eher erfüllenden und angemessenen Seins-Modus. Das bedeutet nicht nur, daß man sich nicht über Materielles definiert, auch ein Armer kann vom Habenwollen getrieben sein, sondern daß man vielmehr Zwecklosigkeit (nicht Sinnlosigkeit!) zu ihrem Recht im eigenen Leben verhilft. Dies betrifft besonders das innere Leben.

Gut, wenn man Meister Eckhardt gelesen hat, so behaupte ich einmal, findet man bei Fromm nicht wirklich revolutionär Neues - er bezieht sich ja auch auch ausdrücklich auf ihn. Fromm ist allerdings kein Christ, und ich kann leider nicht meine Identität verleugnen, er entzieht damit auch Meister Eckhardt dessen ureigensten geistigen Grund.

Störend ist vor allem die Therapie, die Fromm als bekennendem Marxisten vorschwebt. Ganz im Gegensatz zu Eckhardt und natürlich zum christlichen Glauben generell setzt er bei der Umwandlung der Gesellschaft an, weil erst dann eine Unwandlung des Herzens zum neuen Menschen möglich sei. Wie der Vorbesitzer meines auf einem Trödel in Ffurt/M. erworbenen Exemplars treffend am Seitenrand anmerkt, kann dies aber faktisch nur über eine Diktatur laufen und ist insofern indiskutabel.

Die Motivation für dieses Buch ist ebenfalls zweifelhaft: Fromm meint, nur ein umgewandelter Mensch kann die Erde vor der Zerstörung durch den Menschen selbst bewahren - d.h. die Motivation ist Furcht und der Wunsch nach Erziehung, platt gesagt ein Morallaposteltum. Davon haben wir aber längst genug, vor ‘76 wie nachher. Freude am Schenken der eigenen Erkenntnisse wäre ein besserer Grund gewesen.

Letztendlich bleibt mein Eindruck ambivalent, eine gute, treffende und recht tiefgehende Analyse aus allerdings fragwürdiger Motivation führt zu einer noch zweifelhafteren Therapie.


Sammlung

Veröffentlicht am Freitag, 15. April 2005, 19:18

Dieses einfach gute Buch liefert eine Sammlung von Essays und Reden, die Kardinal Ratzinger (ich denke, daß er das auch nach dem Konklave sein wird) während der letzten Jahre zu den Titelthemen verfaßte oder hielt. Es geht eigentlich immer um die Wahrheitsfrage, und, dies war kürzlich meine eigene Erfahrung, dies ist der Knackpunkt schlechthin. Ich muß nicht auch noch was zu der eigentlichen Bedeutung des Wortes “Toleranz” sagen und daß dieses Wort heute zu oft vollkommen anders verstanden wird.

Wie erwartet besticht die Brillanz des Autors. Es gibt aber auch den Schwachpunkt, eher auf Seiten des Verlages, daß die Frage nach der Wahrheit des Christentums nicht grundsätzlich behandelt wird. Muß aber auch nicht sein, und ist mit einigen Essays auch nicht zu machen. Ratzinger behandelt eher die Wahrheitsfrage generell. Und das macht er gut (eben auch, nicht nur, in bezug auf andere Religionen).


Bis heute aktuell

Veröffentlicht am Sonntag, 27. März 2005, 22:28

Dies Domini

Mangels eines Bildes des Buches stelle ich hier eines des Autors rein, des Dominikaners Jacques Loew. 1972 wurden erstmals die Fastenexerzitien, die P. Loew zwei Jahre zuvor Papst Paul VI. und der Kurie gehalten hatte, auf deutsch unter dem Titel “Christusmeditationen” veröffentlicht.
Wie so oft und so gut schöpft auch P. Loew aus seinen eigenen Erfahrungen, in seinem Fall besonders die seiner Bekehrung im Studentenalter und seine Zeit als Arbeiterpriester in Marseille (d.h. er arbeitete Vollzeit als einfacher Arbeiter und versuchte, den Menschen um sich herum ein Zeugnis Christi zu geben und zu sein). Letzteres hatte bei ihm glücklicherweise nichts marxistisches an sich, kein Parteiprogramm, sondern es war die Arbeit des Fischers, wie die der ersten Jünger, die eben dahin gehen müssen, wo die Fische sind.
Es wird oft gesagt, daß die Kirche die Arbeiterschaft im 19. Jahrhundert verloren habe, und das ist alles andere als falsch. Es wurde zu spät auf die soziale Dimension des Evangeliums verwiesen.

Die revolutionäre Kraft (damit meine ich keine gewalttätige, sondern eine nicht-systemerhaltende) der Botschaft Jesu wäre auch heute in Europa mehr als nötig zu vernehmen. Doch hierzulande, in diesem unserem Lande, scheint es keine Zeit für Aufbruch, sondern für Mangelverwaltung zu sein.

Wer dieses Buch liest (gibt es noch gebraucht), wird feststellen, was die Welt von heute mit dem Evangelium zu tun hat und vor allem, daß es Jacques Loew nie um ein vermeintliches Paradies auf Erden ging, sondern um den einzelnen und seine Erlösung in Christus Jesus. Es ging ihm immer um Ihn, um Jesus von Nazareth, den einzigen Retter aller Menschen.


Ganz gut - aber nichts Neues

Veröffentlicht am Mittwoch, 02. Februar 2005, 22:29

Über den Autor hatte ich schon mal ein wenig geschrieben. Dieses Buch ist sicherlich ein guter Einstieg, wenn man einen Einstieg in die christliche Selbstreflexion sucht - die Basis einer jeden Mystik, da Gott uns näher ist als wir selbst.
Es gibt auch ein paar Gedanken, die nur zu unterstützen sind und die man woanders nicht findet - wie bspw. den Hinweis, daß das ständig geforderte “auch bei der Arbeit beten”, “betend arbeiten” etc. zumeist Humbug ist - lieber gut arbeiten und sich nicht vormachen, man würde dabei ständig an Gott denken.
Im großen und ganzen schöpft der Autor aber aus bekannten Quellen, und bei den Wüstenvätern oder Meister Eckhart findet man nicht weniges pointierter und prägnanter. Aber dies ist ein Buch des 20. Jahrhunderts, insofern bestimmt für viele lesbarer als etwas aus dem 13. Jh. oder noch älter.