Saturday, 01. April 2006
Dies war eine der Schlagzeilen der vielen Ärztedemos, die stattfanden und in die derzeitigen Ärztestreiks mündeten (die sicher noch ausgebaut werden). Da ich an einem Krankenhaus (KH) in kirchl. Trägerschaft arbeite, sind dort (vorerst) keine Streiks in Sicht.
Laut einer Umfrage des Marburger Bundes, der Gewerkschaft der angestellten Ärzte (also KH und zu geringem Teil Praxis), über die Arbeitsbedingungen und die generelle Atmosphäre seitens der KH-Verwaltungen werden Ärzte nach eigenem Empfinden von KHs in kirchlicher Trägerschaft schlechter behandelt als von öffentlichen Trägern.
Interessant, nicht wahr (wenn auch nicht wirklich überraschend)?
Bezüglich der Ärztedemonstrationen und -forderungen wurde ja schon seitens Fono an der Nüchternheit der Fordernden gezweifelt. Mich würde mal interessieren, was denn nach Meinung der Leserschaft ein 30jähriger alleinstehender Assistenzarzt (der typische Stationsarzt also) so netto pro Stunde in der Lohntüte haben sollte (fono selbst hat bisher leider nicht geantwortet in seinem blog). Es mag ja sein, daß ich mich mit meinen Vorstellungen irre (ich habe meinen Nettolohn ja mal kundgetan hier- und gerade eine Handwerkerrechnung vorliegen, da habe ich ja einen Vergleich…)
Und was die öffentlichen “Zurechtweisungen” angeht: generell ist der Tenor ja der, daß wir nicht mehr verdienen dürfen, weil dann wieder die Beiträge steigen und dadurch (der Arbeitgeber zahlt ja die Hälfte) der “Standort Deutschland” unattraktiver und die Arbeitslosigkeit nicht sinken wird.
Kann mir jemand erklären, welche Schuld oder auch nur welche Verantwortung ich dafür habe, daß sich dieses Land beharrlich weigert, ein ihrer Bevölkerungsentwicklung angemessenes Gesundheitssystem zu bauen? Es interessiert mich nicht, woher das Geld kommt. Mich interessiert, wie ich den 60jährigen Raucher um 02.00 Uhr morgens vor dem Erstickungstod rette. Mich interessiert der Mann mit dem Herzinfarkt und die Frau mit den starken Bauchschmerzen. Das ist mein Job, und angesichts des enormen Aufwandes an Fortbildung, der bei Ärzten natürlich zu 90% in der kargen Freizeit stattfindet, habe ich echt null Veranlassung, mich auch noch um Volkswirtschaft zu kümmern.
Entweder dieses Volk arbeitet mit seinen unterschiedlichen Gaben einander zu oder es hat abgewirtschaftet. Es darf gute Medizin von gut ausgebildeten Menschen erwarten, was allerdings u.a. ausgeruhte Ärzte erfordert (die 3h diese Nacht im 26h-Dienst waren mal wieder mehr als spärlich), die sich nicht noch um Anfragen von medizinischen Laien (irgendwelche Sachbearbeiter von Krankenkassen) kümmern müssen, die nicht auch noch die Abrechnung im KH machen müssen (genau das tun wir nämlich).
Ich sage nicht “dann gehe ich halt”, auch wenn das aus dem KH eher früher denn später der Fall sein wird. Als Niedergelassener macht das Berufsleben auch nicht mehr so viel Spaß, Daumenschrauben sind die Regel, und wenn man dann mal wirklich selbständig sein will (also Kassenzulassungen zurückgeben), dann wird man als Unsozial beschimpft. Daß wir erst mit 26 Jahren anfangen, überhaupt Kohle zu verdienen (in dem Alter hatte ein gleichaltriger benachbarter Arbeiter bei einem ansässigen Chemieunternehmen bereits eine Eigentumswohnung!), interessiert da auch niemanden. Hauptsache die bösen Ärzte.
Schon seltsam: zum Teil die gleichen Menschen, die einem Multimillionär wie Michael Schumacher zujubeln, obwohl dieser sein Vermögen möglichst reibungsarm in der Schweiz versteuert und hier nur absahnt ohne zu geben, regen sich über unseren Berufsstand auf.
Ein immer älter werdendes Volk braucht eigentlich immer mehr Ärzte - doch schaut man sich unsere Altersstruktur der beruflich Aktiven an, folgt der Einbruch bald, in maximal 5 Jahren (insbesondere in den Praxen).
Aber bitte, dieses Volk will es anscheinend so.